Stellen Sie sich vor, Sie starten jeden Morgen mit einem Rucksack voller Aufgaben, Erwartungen und unausgesprochener Regeln – und dieser Rucksack gehört eigentlich jemand anderem. Genau so fühlt es sich für viele Menschen mit ADS oder ADHS an, wenn sie versuchen, den Anforderungen des Alltags gerecht zu werden. Zu funktionieren. Zu passen. Nicht aufzufallen.
Doch was bedeutet „funktionieren" überhaupt – und zu welchem Preis?
Die stille Erschöpfung hinter dem Funktionieren
Viele Betroffene und deren Eltern kennen es: Still sitzen auf dem Stuhl, weil man das so gelernt hat – obwohl der Körper schreien möchte, sich zu bewegen. Die Hausaufgaben werden am Nachmittag erledigt, weil das so gehört – obwohl die Konzentration um 16 Uhr schlicht nicht abrufbar ist. Die erwachsene Person im Büro nickt beim Meeting und schreibt brav mit – während der Kopf längst zehn Gedanken weiter ist, es eigentlich raussprudeln möchte, aber Sie jedes Wort durch pure Willenskraft zurückzuhalten versuchen.
Diese Verhaltensweisen entsprechen dem, was die Umwelt als „normal“ oder „angepasst“ bewertet. Doch sie entsprechen nicht dem Naturell eines ADS-/ADHS-Gehirns. Das ADS-/ADHS-Gehirn braucht häufig Bewegung, um sich zu fokussieren. Es arbeitet in Energie-Schüben, nicht im Gleichschritt. Es denkt in Sprüngen, nicht in geraden Linien.
Das Funktionieren kostet enorme Energie – und diese Energie fehlt dann woanders: in der Kreativität, in der Freude, in der Beziehung zu sich selbst.
Wenn Anpassen zur Gewohnheit wird
Ein weiteres häufiges Beispiel: Betroffene entschuldigen sich reflexartig, wenn sie etwas vergessen. Sie vergessen nicht weil sie nachlässig sind, sondern weil ihr Arbeitsgedächtnis anders funktioniert. Sie lernen früh, dass Vergessen eine Schwäche ist, die es zu verstecken gilt. Dabei ist es schlicht ein Merkmal ihres neurologischen Systems. War Ihnen das bewusst?
Oder Eltern, die ihr Kind immer wieder dazu anhalten, „schön der Reihe nach“ zu agieren, weil das sozial erwartet wird. Dabei wird meistens nicht erklärt, warum das so ist und welche Strategien dem Kind dabei wirklich helfen könnten. Das Kind lernt: Mein Impuls ist falsch. Nicht: Mein Impuls ist verständlich, und ich kann lernen, damit umzugehen.
Der Mut, authentisch zu sein – und trotzdem dazuzugehören
Hier liegt der entscheidende Unterschied: Es geht nicht darum, alle Regeln über Bord zu werfen. Warten können, zuhören, Aufgaben erledigen – das sind wichtige soziale und lebenspraktische Fähigkeiten. Aber sie können auf einem Weg erlernt werden, der das ADS-/ADHS-Gehirn mitnimmt, anstatt es zu ignorieren.
Das bedeutet: Bewegungspausen einzuplanen, statt Stillsitzen zu erzwingen. Erinnerungssysteme zu entwickeln, statt sich für das Vergessen zu schämen. Aufgaben in kleine, überschaubare Schritte zu zerlegen – nicht weil man es nicht besser weiß, sondern weil das Gehirn so besser arbeitet.
Authentizität bedeutet nicht Rücksichtslosigkeit. Sie bedeutet: Ich kenne mich, ich respektiere mich, und ich finde Wege, die sowohl zu mir als auch zur Welt passen.
Sie müssen nicht aufhören zu funktionieren. Aber Sie dürfen anfangen, sich selbst dabei nicht zu verlieren.
Mein Therapieangebot
Mit dem Schwerpunkt ADS/ADHS in meiner ganzheitlichen Praxis arbeite ich mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Informieren Sie sich gerne auf meiner Homepage, nutzen meine Angebote und buchen auch das kostenfreie telefonische Erstgespräch für Ihre Fragen!
Häufig gestellte Fragen
Warum sind Menschen mit ADS/ADHS so oft erschöpft, obwohl sie doch „nur“ das tun, was alle tun?
Weil das Anpassen an neurotypische Erwartungen für ADS-/ADHS-Betroffene einen enormen Mehraufwand bedeutet. Verhaltensweisen, die anderen intuitiv leicht fallen – ruhig sitzen, Impulse zurückhalten, linear strukturieren – erfordern bei ADS/ADHS aktive und ständige Steuerung. Diese sogenannte „Masking“-Erschöpfung ist real und sollte ernst genommen werden.
Wie kann ich mein Kind unterstützen, ohne es ständig zu korrigieren?
Indem Sie gemeinsam herausfinden, warum bestimmte Situationen schwierig sind – und dann Strategien entwickeln, die dem Kind wirklich helfen, statt es nur an Normen anzupassen. Ein Kind, das versteht, wie sein Gehirn funktioniert, kann Verantwortung für sich übernehmen. Ein Kind, das nur lernt zu gehorchen, lernt, sich selbst zu misstrauen.
Ist es möglich, mit ADS/ADHS authentisch zu leben und trotzdem gesellschaftlich zu funktionieren?
Ja – und genau das ist das Ziel. Es braucht Zeit, Selbstkenntnis und oft professionelle Begleitung. Aber viele Betroffene berichten, dass das Loslassen des ständigen „Verstellens“ nicht nur zu mehr Wohlbefinden führt, sondern auch zu nachhaltigeren Leistungen und stabileren Beziehungen. Und das ist ein echter Mehrwert!
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